Eine Reise durch Körper, Krise und Bewusstheit
Wenn ich auf mein Leben blicke, sehe ich eine weite Reise, die mich von den Erziehungswissenschaften über die IT-Programmierung bis zu einer tiefen spirituellen Praxis geführt hat. Studiert habe ich Pädagogik, doch gearbeitet habe ich in diesem Feld nur während meiner Studienzeit, mit Kindern in einem sozialen Brennpunkt auf einem Abenteuerspielplatz. Danach zog es mich erst in die EDV, später gab ich viele Jahre Bewerbungstrainings. Als mein Mann genug verdiente, gab ich die Erwerbsarbeit auf. Das eröffnete mir Zeit und inneren Raum, mich dem Schreiben von Romanen zu widmen. Eine tiefere Ebene trägt mich bis heute: meine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Buddhismus und einer körperorientierten Praxis.
Trauma und Stille
Mein Interesse an existenziellen Fragen – Wer bin ich? Was ist der Sinn? – reicht weit in meine Jugend zurück. Wie viele Menschen hat mich ein tiefes Leiden zu dieser Suche gebracht. Ich wurde 1958 geboren und floh mit meinen Eltern aus Oberschlesien. In Berlin landeten wir in einem Flüchtlingslager. Dort lag ich allein in einem großen Kasernensaal, nur durch Decken von anderen Betten getrennt. Ich wäre fast verhungert und musste wegen eines Geschwürs am Rücken operiert werden. Lange lag ich im Krankenhaus, wo es damals noch kein Rooming-in gab. Meine Mutter durfte mich zwar stillen, doch ansonsten war ich allein. Diese frühen Erfahrungen von Alleingelassensein und Todesangst haben sich tief in mein inneres Erleben eingeschrieben.
Später zeigte sich das in wiederkehrenden Ängsten. 2012 wurde eine Depression diagnostiziert. Durch eine gute Therapie und eine Reha habe ich gelernt, damit umzugehen. Bis heute nehme ich Antidepressiva, die ich gut vertrage. Sie ermöglichen mir, ganz ich selbst zu sein und gelassener durch die Welt zu gehen.
Begegnung mit der Weisheit des Körpers
Meinen ersten Kontakt mit Meditation hatte ich während meines Studiums in den frühen Achtzigerjahren. In der evangelischen Studentengemeinde experimentierten wir mit stillen und aktiven Meditationen, inspiriert von Osho. Es war eine Zeit des Suchens. Ich nahm an körperorientierten Selbsterfahrungsgruppen teil, doch der entscheidende Wendepunkt kam 1993, als ich Julie Henderson und ihren Übungen begegnete. Sie nannte ihre Arbeit „die Weisheit des Körpers“.

Julie hat sich an dem orientiert, was Kinder und Tiere instinktiv tun, um sich zu regulieren: Sie gähnen, dehnen sich, summen, wiegen sich oder seufzen. Alles Leben ist ja ein Pulsieren – der Herzschlag, die Atmung, das Fließen der Rückenmarksflüssigkeit. Jede Zelle dehnt sich aus und zieht sich zusammen. Julies Zapchen-Praxis ist mein Weg geworden.
Ich absolvierte bei ihr ein dreijähriges Training, reiste mehrfach zu ihr nach Kalifornien und begleitete sie später zu Seminaren in einem tibetischen Kloster in Kathmandu. Sie sprach wenig Theorie, lehrte vor allem durch Erfahrung. Zapchen ist für mich keine Sammlung von Wohlfühlübungen, sondern eine Art zu sein. Die Übung folgt einem Rhythmus: Sei dir des Körpers bewusst. Sei in deinem Körper bewusst. Sei dir als Körper bewusst. Anschließend mit dem Fokus auf Energie und dann Bewusstsein. Es geht darum, das Gewahrsein so weit auszudehnen, bis sich das kleine Ich im Größeren öffnet. Das lernt man nicht aus Büchern, sondern von Menschen, die es verkörpern.
Besonders tief berührt hat mich die Chöd-Praxis. Dabei stellt man sich vor, den eigenen Körper zu zerteilen und zu verschenken. Was zunächst erschreckend klingt, ist eine zutiefst liebevolle und befreiende Erfahrung. Sie hilft mir bis heute, Wut aufzulösen. Die buddhistische Sichtweise, dass kein Wesen von Grund auf böse ist, sondern dass schädliches Handeln aus Verblendung oder aus einem Mangel an Glück entsteht, schützt mich davor, innerlich zu verhärten.
Eine große Zäsur
Meine spirituelle und körperliche Basis wurde im Juni 2014 auf ihre härteste Probe gestellt. Mein Mann Rudi erlitt auf einer Radtour einen schweren Unfall mit massiven Hirnblutungen. Damit begann eine Entwicklungsreise, die ich mir nie gewünscht hatte. Ich erinnere mich genau an meinen ersten Besuch auf der Intensivstation, den ich anfangs fast verweigerte. Schließlich stand ich an seinem Bett. Er lag im Koma; es war fast nicht zu ertragen, ihn so schwer verletzt zu sehen. Ich fühlte mich entsetzlich hilflos. Auf einmal kam ich auf die Idee, ihm von den grünen Bäumen draußen vor dem Krankenhausfenster zu erzählen. Damals habe ich verstanden: Wenn ich im Außen nicht mehr helfen kann, kann ich einfach das tun, was mir oder dem anderen guttut.

In den folgenden drei Jahren der Pflege schrieb ich fortlaufend E-Mails an Freundinnen, Freunde und Verwandte, als Protokoll, als Ventil, und ich bat sie, für mich und uns zu beten. Es war eine Zeit extremer Belastung, in der ich lernen musste, mir zuerst selbst die „Sauerstoffmaske“ aufzusetzen, um für Rudi da sein zu können. Die buddhistische Praxis half mir, Erschöpfung und Hilflosigkeit zu halten.
Nachdem er sich erst mühsam und von mir begleitet ins Leben zurückgekämpft hatte, starb Rudi 2017. Danach brach eine weitere Welle der Arbeit über mich herein. Sein Lebenswerk, eine umfangreiche Mathematik-Webseite, drohte zu verfallen. Ich musste WordPress lernen, jede einzelne Seite überarbeiten, neu strukturieren und anpassen. Gleichzeitig baute ich unser Haus um, da es für mich allein zu groß geworden war. Es folgten die Corona-Jahre; meine Eltern starben in dieser Zeit.
Erst 2024 fand ich die Kraft, das Buch „Trotz allem schöne Momente“ über die Erfahrung mit Rudi abzuschließen, das ich zuvor begonnen hatte. Meine Lektorin gab mir den entscheidenden Anstoß. Durch den langen Prozess der Aufarbeitung habe ich erkannt, wie stark ich eigentlich geworden bin. Das Buch richtet sich an pflegende Angehörige, aber im Grunde an alle. Denn jeder Mensch hat in seinem Leben einen „eigenen Rudi“ – ein Problem, das man nicht wegdiskutieren kann und das einen zwingt, sich zu fragen, was wirklich zählt.
Handeln ohne Erwartung
Heute engagiere mich im Zentrum Freier Buddhismus in Essen, wo Austausch, Praxis und unterschiedliche Zugänge zusammenfinden. Gelegentlich halte ich dort Vorträge und lade Lehrerinnen und Lehrer ein – ich schätze die Offenheit dieses Raums sehr. Als strikt säkular bezeichne ich mich nicht. Mein Mann hat zwei Jahre vor seinem Tod vorausgesagt, dass er bald sterben würde — solche Erfahrungen öffnen mich für das Unbegreifliche. Auch der Blick auf die Quantenphysik, Energie, Wellen, die Auflösung von Materie, hält den Raum für Fragen offen.
Neben meiner persönlichen Praxis engagiere ich mich seit vielen Jahren gesellschaftlich. Die Klimakrise macht mir große Sorgen. Früher war ich bei Greenpeace aktiv, heute bei den Parents for Future. Wir produzieren Bürgerfunk-Sendungen für Radio Duisburg und engagieren uns nicht für den schnellen Erfolg, sondern weil es das Richtige ist.
Die buddhistische Praxis ist fest in meinen Alltag integriert. Morgens koche ich mir einen Tee, mache Zapchen-Übungen und sitze in offenem Gewahrsein. Oder ich meditiere im Gehen und frage mich achtsam: Was sehe ich, was höre ich? Der Buddhismus hilft mir nicht dabei, Probleme wegzumachen, sondern sie zu halten. Emotionen kommen und gehen – und manchmal lösen sie sich auf, wenn man ihnen Raum gibt. Zapchen ist für mich die Verkörperung dieses Zustands: sich des Körpers gewahr sein und darin zur Ruhe kommen.
Aufgeschrieben von Susanne Billig.


