Editorial der Ausgabe 2026/2
Liebe Leserinnen und Leser,
das Wort Macht hat keinen guten Klang. Es riecht nach Zwang, Dominanz und Hierarchie. Nach dem Durchsetzen eigener Interessen gegen andere. Wer von Macht spricht, denkt selten an Befreiung.
Und doch ist der Buddhismus – genau besehen – eine Schule der Macht. Nicht der Macht über andere, sondern der Macht, die zum Erwachen führt. Im Palikanon ist von fünf geistigen Kräften die Rede: Vertrauen, Tatkraft, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit. Bala werden sie genannt, und sie haben das Potenzial, Zweifel zu überwinden, Trägheit zu durchdringen, Zerstreuung zu sammeln und Verblendung zu erhellen. Vertrauen schenkt inneren Halt. Tatkraft setzt heilsame Energie frei. Achtsamkeit klärt. Sammlung vertieft. Weisheit durchdringt. Diese Mächte wirken nicht spektakulär. Sie errichten keine Paläste und stürzen keine Regierungen. Sie verändern die Welt, indem sie das Herz des einzelnen Menschen verwandeln. Wo wir ihnen Raum geben, verlieren Gier, Hass und Verblendung an Boden.
Dass Macht ambivalent ist, zeigen die Beiträge dieses Schwerpunkts in unterschiedlichen Facetten.
Franz-Johannes Litsch erinnert daran, dass der Buddha Palast, Wohlstand und Reichtum verlassen hat. Er hat sich in die Leerheit aller Absichten, Ansichten, Pläne und Konzepte begeben und sich – im eigenen Leben wie in seiner Lehre – radikal vom Willen zur Macht verabschiedet.
Der Zen-Lehrer Alexander Poraj fragt, ob die im Buddhismus oft beschworene Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden nicht auf einem Missverständnis beruht – einem Missverständnis, das Machtgefälle stabilisiert. Seine Überlegungen führen mitten hinein in die radikale Lehre vom Nicht-Selbst.
Der Mönch in tibetischer Tradition Tenzin Peljor richtet den Blick auf spirituelle Autorität. Wann wird Hingabe heilsam? Wann beginnt sie, problematisch zu werden? Er stützt sich auf klassische Texte und macht deutlich, dass der Buddha konstruktive Kritik ausdrücklich zuließ. Mitgefühl und Weisheit gehören zusammen – und beide verpflichten zum verantwortlichen Handeln.
Wie subtil Macht wirken kann, schildert die Theravada-Nonne Ayya Phalanyani aus der Perspektive klösterlichen Lebens. Sie beschreibt Strukturen, die Missbrauch verhindern sollen – und die feinen Dynamiken des Zusammenlebens, aus denen neue Machtverhältnisse hervorgehen können. Ihre Reflexionen machen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Macht immer wieder im eigenen Herzen beginnen und zu ihm zurückführen muss.
Im Gespräch mit der indischen Historikerin Nayanjot Lahiri werfen wir einen historischen Blick auf König Ashoka. Kaum ein Herrscher wird so sehr mit moralischer Erneuerung verbunden wie er. Und doch lassen die Quellen ein komplexeres Bild erkennen: einen Regenten, der Reue öffentlich bekennt, buddhistische Ethik politisch wirksam machen will – und zugleich staatliche Autorität entschlossen einsetzt.
Wie eng Religion und politische Macht bis heute verflochten sein können, untersucht ein wissenschaftlicher Beitrag zu Sri Lanka, Myanmar und Thailand. Buddhistische Lehren können sowohl zur Friedenskonsolidierung beitragen als auch nationalistisch instrumentalisiert werden. Zwischen ahimsa und politischer Vereinnahmung spannt sich ein Feld, das einfache Bilder vom stets friedlichen Buddhismus infrage stellt.
Einen bewusst anderen Gesprächsraum eröffnet der Dialog mit Christian Lisker vom Humanistischen Verband Deutschlands, in dem er für Transparenz, überprüfbare Strukturen und eine Kultur des Zweifels plädiert. Macht, so unterstreicht er, muss sichtbar sein, um sich begrenzen zu lassen.
Denn Macht verschwindet nicht, wenn wir sie ignorieren. Sie durchzieht Beziehungen, Institutionen, Gesellschaften – und unsere eigene Praxis. Die Frage ist nicht, ob es Macht gibt, sondern wie wir mit ihr umgehen. Im besten Fall: indem wir jene inneren Kräfte kultivieren, die befreien statt beherrschen.
Mit vielen Artikeln, Reflexionen, Buchvorstellungen und Berichten aus der buddhistischen Welt wünschen wir einmal mehr eine inspirierende und bereichernde Lektüre.
Herzlich für das gesamte Redaktionsteam,

Susanne Billig,
Chefredakteurin

Susanne Billig
Susanne Billig ist Biologin, Buchautorin, Rundfunkjournalistin (Wissenschaft, Gesellschaft) und Sachbuchkritikerin. Sie ist seit 1988 in Praxis und Theorie mit Buddhismus und interreligiösem Dialog befasst, Kuratoriumsmitglied der Buddhistischen Akademie Berlin-Brandenburg und Chefredakteurin von BUDDHISMUS aktuell.


