Mit Menschen anderer religiöser Traditionen glauben – nicht gegen sie
Wie kann Spiritualität in einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft heute Gestalt gewinnen? Der Religionswissenschaftler und Theologe Perry Schmidt-Leukel liest in seinem jüngsten Buch biblische Texte im Gespräch mit anderen religiösen Traditionen – auch mit dem Buddhismus. Dabei geht es ihm nicht um Vereinheitlichung, sondern um Resonanz und wechselseitige Erhellung. Im Gespräch mit Ursula Baatz erläutert er Motive, Zugänge und Grenzen dieses interreligiösen Ansatzes.
Ursula Baatz: In Ihrem jüngsten Buch geht es darum, biblische Text interreligiös zu lesen. Was hat Sie dazu motiviert, was ist die Grundidee?
Perry Schmidt-Leukel: Dahinter steht eine Frage: Wie kann Spiritualität ganz allgemein – und gerade auch christliche Spiritualität – der heutigen Lebenswelt Rechnung tragen? Wir leben heute mit Menschen zusammen, die vielen nicht religiösen Weltanschauungen und einer Vielzahl religiöser Traditionen anhängen. In meinem Buch spiegelt sich das in meiner Interpretation biblischer Texte wider.
Der Buchtitel lautet „Wort vom Geheimnis der Welt“. Worauf bezieht er sich?
Viele Religionen bekräftigen, dass die letzte Wirklichkeit, also das, was Raum und Zeit übersteigt und doch zugleich trägt und durchdringt, mit unseren Begriffen nicht mehr zu fassen ist. Daher ist diese Wirklichkeit – wenn es sie denn gibt – ein „Geheimnis“. Nicht ein Geheimnis, das man lüften könnte, sondern etwas, das sich ganz grundsätzlich unserem Begreifen und Verstehen entzieht, aber dennoch erfahren werden kann. Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime sowie viele Hindus nennen es „göttliche“ Wirklichkeit. Der buddhistische Meister Nagarjuna spricht von der „Wirklichkeit im höchsten Sinn“ (paramarthasatya) im Unterschied zur „weltlich verhüllten Wirklichkeit“ (lokasamvrtisatya), was oft als „relative“ oder „konventionelle“ Wahrheit übersetzt wird.
Biblische Texte aus jüdischer oder islamischer Perspektive zu interpretieren, liegt nahe. Warum die Bibel aus buddhistischer oder hinduistischer Perspektive interpretieren?
Gerade auf diesem Weg kann man zu neuen Erkenntnissen kommen. Der indische Religionswissenschaftler Arvind Sharma spricht von „wechselseitiger Erhellung“. Dadurch entstehen sowohl wechselseitige Bekräftigungen als auch spannende Herausforderungen. In einem Text meines Buches zeige ich anhand eines fiktiven Gesprächs zwischen Paulus und Shantideva, wie sich die Lehren beider im Licht des jeweils anderen neu sehen lassen. Beide verwenden für die Verbundenheit der Menschen das Bild von der Einheit der Glieder an einem Leib. Paulus betont dabei den Wert der Verschiedenheit, Shantideva betont, dass dieses Bild alle Wesen umfassen muss.

Wie lassen sich bei einem solchen interreligiösen Projekt die Identitäten der einzelnen Religionen wahren? Kommt es da nicht zu einem beliebigen „Mischmasch“?
Was sind denn die „Identitäten“ der einzelnen Religionen? Gibt es nicht letztlich ebenso viele Formen des Buddhismus wie es Buddhistinnen und Buddhisten gibt – und ebenso viele Formen des Christentums wie es Christinnen und Christen gibt? Natürlich hat jede Religion ihre spezifischen Bezugspunkte, die sich von denen anderer Religionen unterscheiden, etwa zentrale Gestalten, Texte und Symbole. Doch wenn wir genauer hinsehen, werden diese Bezugspunkte auch innerhalb jeder Religion sehr unterschiedlich interpretiert. Und im Leben der Menschen gewinnen sie ebenfalls jeweils ganz unterschiedliche Bedeutungen. Genau diese Bandbreite unterschiedlicher Deutungsmuster findet sich, wenn man genau hinsieht, in jeder großen Religion wieder. Jede größere Religion ist also immer schon eine Mischung aus verschiedenen Auffassungen und Formen, die sich ähnlich auch in anderen Religionen finden. Das erklärt, warum sich so manch ein Buddhist einem bestimmten Christen und dessen Verständnis näher fühlen mag als einem anderen Buddhisten – oder umgekehrt.
Wie vermeidet man dabei Verzerrungen und Überinterpretationen?
Indem man sich vor Verallgemeinerungen hütet. Also davor, eine bestimmte positive oder negative Beobachtung hinsichtlich einer Religion oder ihrer Anhängerinnen und Anhänger auf die gesamte religiöse Tradition zu beziehen. Eine Religion entweder zu idealisieren oder zu dämonisieren, wird der Realität keiner Religion gerecht. Alle haben ihre guten und ihre problematischen Seiten.
Die buddhistische Tradition betont Konzepte wie Nicht-Dualität und Leerheit (shunyata).Biblische Texte betonen eine starke Gott-Mensch-Beziehung und die Unterscheidung von Schöpfer und Schöpfung. Wie geht das zusammen?
Solche Konzepte sind ja eigentlich Antikonzepte. Sie weisen darauf hin, dass begrifflich klare Unterscheidungen nicht den Grund der Wirklichkeit erfassen. Leerheit und Nicht-Dualität verweisen auf eine geheimnisvolle Durchdringung und Verbindung von allem mit allem. Auch in der christlichen Tradition werden scheinbar eindeutige Dualismen relativiert – sowohl in der mystischen und philosophischen Tradition als auch bereits in biblischen Texten. Paulus schreibt zum Beispiel: „Nun aber lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“ Da wird der Dualismus erheblich hinterfragt. Oder wenn es in der Apostelgeschichte über Gott heißt, dass wir „in ihm leben, weben und sind“. Unterscheidungen haben ihre Berechtigung, wenn es um Beziehungen geht. Aber gerade Beziehungen können Unterscheidungen zugleich relativieren und sogar übersteigen.
Können Sie ein konkretes Beispiel in Ihrem Buch anführen, bei dem die interreligiöse Lektüre einen biblischen Text in einem neuen, für Buddhistinnen und Buddhisten vielleicht nachvollziehbaren Licht erscheinen lässt?
Gleich in meinem ersten Text zitiere ich Paulus, der schreibt: „Gott ist in unseren Herzen aufgeleuchtet“, und er bezeichnet dies als „einen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“. Dieser Aussage stelle ich Zitate aus Hinduismus und Islam an die Seite, ebenso eine Stelle aus dem buddhistischen Tathagatagarbha-Sutra. Dort wird die Buddhanatur in uns mit einem Schatz verglichen, „der im Haus eines armen Menschen verborgen ist“. Als Bilder haben diese beiden Aussagen viel miteinander gemeinsam. Paulus bezieht das Aufleuchten Gottes im Herzen auf die in Jesus erschienene Liebe, und der buddhistische Text sagt, der große, aber verborgene Reichtum bestehe darin, füreinander sorgen zu können. So entsteht eine starke Resonanz zwischen beiden Texten, die Buddhistinnen und Buddhisten wie auch Christinnen und Christen dazu bringen kann, die Lehren von der Buddhanatur einerseits und vom Christus in uns andererseits im wechselseitigen Licht zu sehen.

Gibt es einen „Schlüssel“, mit dem Sie an biblische Texte herangehen, um sie unter anderem auch aus buddhistischer Perspektive zu beleuchten?
Ja, diesen Schlüssel gibt es, und er ist sehr persönlicher Natur. Ich frage mich selbst: Was kann ein solcher biblischer Text oder ein biblisches Motiv für mein eigenes Verständnis des Lebens, für meine Spiritualität im heutigen Kontext bedeuten? Und welche Texte anderer Religionen kenne ich, die zu genau diesem konkreten Aspekt etwas beitragen? Sei es im Sinne einer Bestätigung der jeweiligen Aussage, einer Horizonterweiterung oder einer Veränderung der Perspektive, auch im Hinblick auf problematische Aussagen. Denn bisweilen enthalten die Texte heiliger Schriften und deren Wirkungsgeschichte ja auch Aspekte, die sehr kritisch zu betrachten sind.
In welchen Bereichen kann der Buddhismus aus Ihrer Sicht als eine Art kritischer Spiegel Fragen an das heutige Christentum stellen?
Oft heißt es, dass das Christentum vom Buddhismus lernen könne, eine meditative oder kontemplative Spiritualität wieder stärker wertzuschätzen. Das ist auch völlig richtig. Aber meine Perspektive ist noch mal eine andere, eben eine persönliche. Lassen Sie es mich so sagen: Einflüsse aus dem Buddhismus – neben solchen aus anderen Traditionen – haben mich und damit meine eigene Wahrnehmung des christlichen Glaubens verändert. Diese veränderte Sichtweise könnte sowohl für andere christlich geprägte Menschen – sicherlich nicht für alle – als auch für buddhistisch inspirierte Menschen, auch gewiss nicht für alle, hilfreich sein. Drei Aspekte meiner veränderten Wahrnehmung des Christentums spreche ich in den drei Teilen meines Buches an.
Im ersten Teil geht es um „Verborgene Nähe“. Damit meine ich die Nähe des göttlichen Geheimnisses, also seine Bedeutung für das eigene Leben. Doch das, was da ganz nah ist – „näher als die eigene Halsschlagader“, wie es im Koran heißt –, ist zugleich auch „verborgen“. Es ist, christlich gesprochen, ein Geheimnis, das leicht übersehen wird, weil es nicht in unsere begrifflichen Schachteln passt. Dieses Bild der verborgenen Nähe scheint mir auch für einige buddhistische Perspektiven auf die letzte Wirklichkeit zu passen: Sie ist „nah“, aber weder in einem räumlichen noch in einem zeitlichen Sinn. In den Zehn Ochsenbildern, der bekannten Zen-Bildgeschichte, heißt es gleich zu Anfang, der verlorene Ochse, den der Hirt sucht, sei in Wahrheit nie verloren gegangen. Wir suchen, weil wir nicht sehen.
Und die beiden folgenden Teile?
Die handeln von einem „verkörperten Wort“ und von „gewagter Zuversicht“. Das Wort von der verborgenen Nähe des Geheimnisses ist nicht nur ein gesprochenes oder gehörtes Wort. Es ist auch verkörpert – nämlich in Menschen, die sich auf diese verborgene Nähe verlassen. „Wer mich sieht, sieht den Dharma“, sagt der Buddha an mehreren Stellen des Palikanons. Im Anguttara Nikaya heißt es von den wahrhaft Erwachten, sie seien das „sichtbare Nirvana“, also dessen Verkörperung. Im Neuen Testament legt das Johannesevangelium ein ähnliches Verständnis Jesu vor. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, spricht Jesus hier und meint damit das göttliche Geheimnis. In seinem Prolog sagt dieses Evangelium, dass sich in Jesus das Wort Gottes verkörpert hat – „Fleisch geworden ist“.
Menschen, die das Wort von der verborgenen Nähe des Geheimnisses auf solche Weise verkörpern, so wie Jesus, Gautama und viele weitere, erwecken bei anderen Menschen eine grundlegende Zuversicht: das Vertrauen, sich ebenfalls auf jene Wirklichkeit verlassen zu können, deren Frieden höher ist als die Vernunft. Das wohl älteste buddhistische Schema des Heilswegs, das sich dann im Edlen Achtfachen Pfad widerspiegelt, folgt genau diesem Muster. Es beginnt mit den Worten: „Ein Tathagata (ein ‚So-Gegangener‘) erscheint in der Welt.“ Jemand hört seine Lehre, fasst Vertrauen und macht sich dann selbst auf den Weg.
Dieses Vertrauen und das entsprechende Leben sind jedoch Ausdruck einer „gewagten“ Zuversicht. Ob Buddhistinnen und Buddhisten, Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime, Hindus oder andere: Für uns alle gilt, dass wir uns in unserer Zuversicht auch irren können. Vertrauen ist kein unbezweifelbares Wissen. Zeitgenössische Spiritualität muss ernst nehmen, dass auch eine rein säkularistische oder naturalistische Weltanschauung zutreffen könnte. Das Wissen um die eigene Irrtumsmöglichkeit kann und sollte Teil einer von Vertrauen geprägten Zuversicht sein. Vertrauen ist eben nicht gleich Wissen.
Denn diese Zuversicht bezieht sich auf die von der Vergänglichkeit verdeckte ewige Dimension der Wirklichkeit, auf das, was jenseits der Endlichkeit von Raum und Zeit liegt. Daher ist sie auch eine Hoffnung über den Tod hinaus. Ausdrücken lässt sich diese Hoffnung aber nur in Bildern aus dem Hier und Jetzt – Bilder, die es oft mit dem Loslassen des Selbst zu tun haben, und zwar so, dass dieses Loslassen nicht als Verlust, sondern als Gewinn erfahren wird. Es ist der Gewinn einer Identität, die in dem gründet, was nie verloren war und nicht verloren gehen kann.
Solche Motive, wie ich sie hier skizziert habe, kommen einerseits aus einem buddhistischen Hintergrund, andererseits eröffnen sie einen neuen Zugang zur christlichen Spiritualität. Christliche Glaubenslehren werden dadurch natürlich reduziert – vielleicht im Sinne einer Reduktion auf das Wesentliche, auf das Lebbare und in der pluralen Welt von heute Glaubbare. Es ist ein Glaube mit Menschen anderer religiöser Traditionen, nicht gegen sie.
Würden Sie sagen: Ihr Buch kann ein gegenseitiges besseres Verständnis und mehr Respekt zwischen Christentum und Buddhismus fördern?
Es geht nicht nur um Christentum und Buddhismus. Die Beziehungen zwischen Buddhismus und Hinduismus sind lang und voller Konflikte – da gibt es vieles, was aufzuarbeiten ist und der Heilung bedarf. Auch die buddhistisch-islamischen Beziehungen waren und sind oft konfliktreich und leidvoll. Hier ist noch sehr viel wechselseitige Erhellung möglich und nötig. Mein Buch kann vielleicht einen kleinen Beitrag leisten, indem es Mut macht zu einer Spiritualität, die sich offen hält für Impulse aus anderen Traditionen und auch aktiv nach diesen sucht.
Weiterführende Literatur

Perry Schmidt-Leukel: „Wort vom Geheimnis der Welt. Biblische Texte interreligiös gelesen“, Gütersloher Verlagshaus 2025

Perry Schmidt-Leukel
Perry Schmidt-Leukel forscht als Seniorprofessor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. Er ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Werke zum Buddhismus, zur Fundamentaltheologie, zur Theologie der Religionen und zum interreligiösen Dialog. 2015 hielt er als erster Deutscher seit fünfundzwanzig Jahren die international renommierten Gifford Lectures und zählt zu den weltweit führenden Vordenkern im Feld der Religionsbegegnung.


