Willi und die Doppelmondsegler
Ein Zen-Märchen über eine Reise nach Samarkand
| Heft: | 02 | 2026 Macht |
| Verlag: | ARO-Verlag |
| Jahr: | 2024 |
| Preis: | 17 Euro |
| Seiten: | 196 |
Rezension
„If you meet Buddha on the road, kill him.“ Die alte Zen-Weisheit könnte das Motto von Rolf Kolls Buch sein – ebenso wie der Satz aus dem „I Ging“: „Anfangsschwierigkeiten überwinden bewirkt erhabenes Gelingen.“
Wer nämlich die ersten Passagen des scheinbar sprachspielerischen Nonsens überwunden hat, entdeckt in diesem kleinen Bändchen eines der schönsten und humorvollsten Werke der modernen Zen-Literatur. Rolf Koll, promovierter Philosoph, Künstler und Zen-Lehrer nimmt die Sprache in unnachahmlicher Weise beim Wort und führt uns auf dem Weg seiner Helden selbst in einen Zustand völligen Losgelöstseins von allen Verhaftungen des Verstandes und aller Schwere des Daseins.
Zum Hintergrund: Der Künstler Joseph Beuys hat die Legende in die Welt gesetzt, er sei nach einem Unfall auf der Krim von tatarischen Schamanen gerettet worden. In Anspielung auf diese Geschichte erleben wir nun Willi, der als Verkörperung des tumben Toren auf der Suche nach sich selbst versucht, sich mit reichlich verqueren Mitteln das Blaue vom Himmel herabzusehen, und schließlich, Zauberjoghurt brauend, zum Gehilfen einer alten Weisen wird. Wir erleben Ministerialrat Dr. Gröben, der von einer Begegnung mit Versen Hölderlins angeregt wird, sein zufrieden gefügtes Ich aufzugeben, indem er Teile des elterlichen Hauses kaputtrenoviert. Die beiden werden auf ihrer köstlich weisen Pilgerreise nach Samarkand, dem symbolischen Zentrum der Erleuchtung, von zwei Helferinnen und einem Helfer begleitet: der Tochter eines Nudelgärtners, einem weisen Hasen, einer sagenhaften Geliebten Platons. Was die zwei Hauptfiguren dort finden, ist tatsächlich mindestens ein Stück Lebensweisheit und die Liebe zweier Frauen. Wir als Leserinnen und Leser finden einen Schatz neuer Sichtweisen auf unsere Denk-und Seinsweisen und so eine Fülle neuer Erleuchtungen und Herzenserwärmungen.
Mich als „Frau auf dem Weg“ hat das wunderbare Werk von dem Gedanken befreit, die Erkenntnis tiefer Wahrheit sei nur auf „männlich-geistigem“, mehr oder weniger weltabgewandtem Weg zu erlangen. Der Autor zeigt: Im Gegenteil! Ohne das existenzielle Einruhen im Sein ist eine „Erleuchtung“ – im Sinne einer wahrhaftigen Begegnung mit der Buddhanatur – nicht möglich.


